Binnenraum

Im Binnenraum der zweiten Natur

Jennifer Bennett

Gesprächsrunde am 3. Dezember 2008 in der Ausstellung im Trottoir Hamburg mit Alexander Rischer, Chup Friemert, Julian Sippel, Anne Vogelpohl und Felix Kubin

trottoir, Hamburg 2008.

Die Stadt, diese menschgewordene Welt, die mir zu Hause ist und deren Mauern ich so selten verlasse, wenn dann eingekapselt in Metall um zwischen den verschiedenen Mauern hin und herzupendeln, über sie sollte ganz grundsätzlich gesprochen werden. Aber was bitte könnte da nicht schief gehen, bei einem so breit gefassten Begriff. Eine Stadt (von althochdt.: stat = Standort, Stelle; etymologisch eins mit Statt, Stätte;) ist eine größere, zentralisierte und abgegrenzte Siedlung mit einer eigenen Verwaltungs- und Versorgungsstruktur im Schnittpunkt größerer Verkehrswege.

Damit ist fast jede Stadt zugleich ein zentraler Ort. Ihre Einwohnerschaft kann ethnisch, sprachlich, sozial, kulturell, konfessionell etc. äußerst vielfältig sein. Dazu Felix Kubin: Sozialer Austausch findet trotz der beschleunigten Kommunikation, welche für ihn eigentlich zur Verstädterung der Welt beiträgt, in der Stadt statt, da in der Stadt Anne Vogelpohl: die Einheit der Vielfalt gegeben ist, die Differenzen sind innerhalb ihrer Mauern vereint. Aber was ist eine verstädterte Welt und wie kann heute dem Naturbegriff begegnet werden? Chup Friemert: Naturen (den Begriff wollte er im Plural eingeführt wissen), sind nicht machbar, sie machen sich. Und Julian Sippel: Natur, das nicht vom Mensch geordnete. Das intuitive Wissen trifft sich mit dem Internet: Natur (lat.: natura, von nasci „entstehen, geboren werden“) bezeichnet alles, was nicht vom Menschen geschaffen wurde. Der Begriff wird jedoch in verschiedenen Gesellschaften und oft auch innerhalb einer Gesellschaft unterschiedlich und teilweise widersprüchlich verwendet. Genau, und dann hilft das schon weiter: Das liegt in der Natur der Sache. Das ist halt so, man kann nichts anderes erwarten.

So wurde auch in unserer Runde kein neues Verständnis der Natur gefunden, das liegt in der Natur der Sache. Und überhaupt, Besucherin: Das Gemachte und Gestaltete ist ja schon seit Jahrhunderten gestaltet, das ist doch ein alter Hut.

Ein alter Hut auch die Stadtmauern, deren Verbindlichkeit aber, wie wir uns in Erinnerung rufen dürfen, Alexander Rischer: erst seit etwa 200 jahren obsolet geworden ist. Und doch ist die Stadtmauer vielerorts immer ein Thema geblieben, ist sie doch das treffendste Bild für die Stadt als Gesamtgestalt. Und war sie mal ursprünglich, war ihr Bau über damalige Notwendigkeiten begründet und ihre Erscheinung also sozusagen natürlich, schafft der heutige Versuch das gewachsene Organ wiederherzustellen, Künstlichkeit.

Jennifer Bennett: Schikane

Da scheint er auf, der Begriff Künstlichkeit, auf den nur wenig eingegangen wurde und für den sich auch im Netz keine schnellen Treffer finden lassen. Nun denn, wieder zu den Mauern, die einen so angenehmen Boden boten, dank ihrer Anschaulichkeit, deren Formwille, so ein Besucher: auch verbunden ist mit der Implementierung eines Wertesystems, also einer oder mehrerer Regeln, unter welche die Vielfalt sich wirft, will sie friedlich innerhalb der Mauern leben. Nur manchmal wenn Chup Friemert: die Demokratie der Füsse ins Spiel kommt und sogenannte von Felix Kubin zur Anschauung gebrachte Hasenwege entstehen, sind die Regeln gar nicht so starr. Weil Besucher: jeder Organismus braucht Aktionsräume.

Aber wenn Anne Vogelpohl: das Denken der Stadt als Organismus verschwindet, entfernen wir uns von der Gemeinschaftlichkeit. Es zählt nur mehr der Einzelne der sich vor allem über sein Kapital im Stadtraum durchsetzt und dann setzen Julian Sippel: die Regeln der Natur wieder ein? Fressen und gefressen werden, die Macht des Stärkeren? Aber nein, Besucher: die Frage nach dem Plan. Wer hat ihn, wer macht ihn? Die Natur als Vorbild, wie kriegt man künstlich das Wohlbefinden der natürlichen Gestalt hin? Die natürliche Gestalt, die laut Julian Sippel als ungeplante Stadtstruktur sich in den städtischen Randgebieten findet. Chup Friemert: Die geplante Stadtstruktur liess sich in den Sechzigern formulieren, damals existierten Perspektiven, die tatsächlich eintrafen, an denen gearbeitet wurde, heute kann die Planung kein Bild mehr formulieren, weil Julian Sippel: die Planung ist ungenauer geworden, sie spricht von Leitbildern, nicht mehr von Zielen. Aber Alexander Rischer: das sind keine Leitbilder, das ist Dichtung. Und überhaupt Felix Kubin: die Diskussion wirkt auf mich wie eine Poltikerrunde, hatte erhofft persönliche Aspekte der Stadterfahrung würden besprochen, der Ansatz zum Gespräch hatte sowas vorsichtig persönliches. Aber Chup Friemert: wer will denn 3 Stunden am Tag Demokratie machen?